Schumann im Zerrspiegel

Wie der Komponist in Schulbüchern verzerrt dargestellt wird / Von Wolfgang Seibold.

Von einem, der auszog...

...das Fürchten zu lernen, heißt es bei den Brüder Grimm - der Verfasser wollte "...das Fürchten lehren", und zwar jenen Verfassern, die in Schulbüchern ein falsches Schumann-Bild transportieren. Als der Verfasser im Rahmen seines Hauptberufes "Schulmusiker" ein neue Schulbuch las, standen sämtliche Haare zu Berge eingedenk seines Neigungsberufes "Musikwissenschaftler und Schumannianer", und er schrieb an verschiedene Schumann-Koryphäen, um festzustellen, ob nur er so empfindlich ist. Die vielfältige Zustimmung ( die meisten waren genauso entsetzt! ) ermutigte ihn, einen Artikel zu verfassen. Dafür aber ein Publikationsforum zu finden, war schlicht und einfach unmöglich: die musikpädagogischen Zeitschriften "Musik und Bildung" - "Neue Musikzeitung" und "Musik in der Schule" verweigerten sich. War's Angst ( das Fürchten ), wollte da keine "Krähe der andern das Auge aushacken"?

Hier die Glosse, die schließlich in der "Correspondenz Nr. 21" (Februar 1999) der Robert-Schumann-Gesellschaft e.V. Düsseldorf erschienen ist (S. 2-5).

S c h u m a n n  i m  Z e r r s p i e g e l


IllustrationSchulbücher müssen besonders sorgfältig geschrieben werden, prägen sie doch mit den Fakten, die sie vermitteln, eine ganze Schülergeneration: So werden z. B. im Bereich der E-Musik die Kenntnisse der Musikgeschichte ganz wesentlich vom Musikbuch und -unterricht bestimmt. Was Schüler durch ein Musikbuch über Komponisten lernen, wird das Schülerbewußtsein durch aufgrund der beinahe uneingeschränkten Monopolstellung dieses Mediums quasi exklusiv beeinflussen.

Vor allem im sensiblen Bereich der Grundschule und am Anfang der Sekundarstufe I müssen die Komponistenportraits hieb- und stichfest, musikwissenschaftlich korrekt sein, denn Kinder bis etwa zum 12. Lebensjahr nehmen das, was in Schulbüchern steht, als unumstößlich-richtige Wahrheit, ein kritischer Umgang mit "Buchweisheiten" ist in diesem Alter noch nicht zu erwarten. Wie leicht also wird ein Kind von den Inhalten eines Musikbuches für die Schule geprägt und schleppt dann ein Leben lang z.B. bestimmte Vorstellungen von Komponisten mit sich herum!

Daß dies ein aus der Schulpraxis erwachsenes Faktum ist, wissen die Lehrer, die diese Altersstufe unterrichten, nur allzu gut, und deshalb handeln sie auch entsprechend verantwortungsbewußt. Den Herausgebern des Musiklehrwerkes "Musik um uns" allerdings scheinen diese entwicklungspsychologischen Binsenweisheiten beim Abfassen des Kapitels über den Komponisten Robert Schumann nicht bekannt gewesen zu sein. Wie sonst ist zu erklären, was in der neusten Auflage des oben genannten Lehrwerkes steht, das im Metzler Schulbuchverlag Hannover 1991 erschienen ist?


Illustration Welches Bild von Robert Schumann wird den Schülerinnen und Schülern der Klassen 5 und 6 des Gymnasiums und der Realschule durch zwei Seiten ( S. 268 und 269 ) über Schumann offeriert?

Es ist leicht einsichtig, daß auf zwei Seiten nicht eine umfassende biographische Darstellung möglich ist, zumal die Herausgeber verdienstvoller Weise - oder vielleicht nur einem Modetrend folgend? - gleich auf den folgenden Seiten 270 und 271 ein Kapitel "Clara Schumann" anfügen. Aber die wichtigsten Lebensmarken und Schaffensschwerpunkte wird man doch erwarten dürfen.

Welche Details wählte(n) der Autor/ die Autoren ( verantwortlich zeichnen als Herausgeber Ulrich Prinz und Albrecht Scheytt) aus Schumanns Leben aus? Das wird zur Gretchenfrage für eine gelungene musikhistorische Einordnung dieses Komponisten!




"In seinem Schaffen finden sich schwungvoll-rauschende, zart-gefühlvolle Stellen und feiner Humor." Schon die Tatsache, daß Rezeption nur auf "Stellen" - die moderne Häppchen-Kost, vielleicht sogar ein "Listeners Digest" läßt grüßen! - verwiesen wird, ist eine Fehlleistung. Wenn sich dazu hin das Urteil "schwungvoll-rauschend" und "zart-gefühlvoll" über Schumanns Werke in den Köpfen der Schülerinnen und Schüler festsetzt, so ist das Klischee zu Schumanns Schaffen perfekt - ganz abgesehen davon, daß diese Floskeln sich auf ( fast ) alle romantischen Komponisten anwenden ließen, d. h. sie drücken ( fast ) gar nichts aus!



Welche Daten sollen sich die Schülerinnen und Schüler der Klassen 5 und 6 zum Leben Robert Schumann merken?

"Schumanns Leben: Geboren 1810..." - "1828 Jurastudium in Leipzig, 1829 in Heidelberg."

( Wer sich in der Schumannschen Biographie auskennt, weiß, daß er sowohl in Leipzig als vor allem in Heideberg mehr musiziert und komponiert hat als Jura-Vorlesungen und -übungen besucht! ) "Seit 1828 Klavierunterricht bei Friedrich Wieck. 1830 gibt SCHUMANN das Jurastudium auf und entscheidet sich für die Musik. 1832 Lähmung der rechten Hand durch unvernünftiges Üben..."

( Diese erfolgte 1831 und nicht 1832! ) "1840 Heirat mit CLARA WIECK.." Und zwischen 1831 und 1840 war nichts? Wo bleibt für die 30er Jahre die Gründung der "Neuen Zeitschrift für Musik" 1834? Schumann hat sich ja nicht nur in der NZfM unmittelbar in den Kampf um eine neue poetische Kunst gestürzt, sondern mit seinen zeitgleichen Kompositionen auch Beleg für diese weitreichenden Ziele vorgelegt. Schumann als Musikschriftsteller nicht zu erwähnen, dafür aber die wirklich nebensächliche Chorleitertätigkeit ( "1844 - natürlich war es nicht 1844, sondern 1847! - Chorleiter der 'Liedertafel in Dresden" ) aufzuführen, zeigt eine bedenkliche Schieflage in der Gewichtung der Lebensleistung Schumanns.- Zudem ist in der Dresdener Zeit nicht die erwähnte Leitung der "Liedertafel" - sie dauerte nur einige Monate - von Interesse, sondern die 1848 erfolgte Gründung und Leitung des "Chorgesangsvereines" - später "Robert Schumannsche Singakademie zu Dresden" - ist von Bedeutung.

"1850 Musikdirektor in Düsseldorf. 1854 wird SCHUMANN nach einem Selbstmordversuch in eine Heilanstalt in Endenich gebracht. 1856 Tod Schumanns." Illustration Soweit die Daten.



Aber das Bild von Schumann wird, wie in einem Vexierspiegel, in diesem Buch noch weiterer Deformierung ausgesetzt! - Als einziges Merkmal aus dem Leben Schumanns wird neben dem ( teilweise fehlerhaften ) Datengerippe ein "krankes Gemüt" herausgezogen:

" Schon in jungen Jahren hatte sich bei SCHUMANN eine Neigung zur Melancholie gezeigt. Sie machte es ihm schwer, sich bei der Dresdener >Liedertafel< und beim Düsseldorfer Orchester durchzusetzen. Die Melancholie steigerte sich schließlich zur Gemütskrankheit, zu Wahnvorstellungen und zum freiwilligen Eintritt in eine Heilanstalt."

Abgesehen davon, daß 10 -12jährige Schüler wohl schwer etwas mit dem Begriff "Melancholie" anzufangen wissen - der Lehrer wirds ja schon erklären! -, ist für sie, die noch unbefangen einen Lebensentwurf aufnehmen, doch logisch zwingend, daß sie den einzigen gesonderten Hinweis zur Persönlichkeit, nämlich die prognostizierte "Gemütskrankheit" dieses Menschen, doch wohl auch auf das Werk zu übertragen: "Sind es etwa Werke eines 'Verrückten'?" Udo Rauchfleisch, Professor für klinische Psychologie an der Universität Basel schreibt in seiner 1990 erschienenen Schumann-Biographie dazu: "Auch im Schumann-Schrifttum finden wir solche Tendenzen, die einerseits zu einer meiner Ansicht nach nicht gerechtfertigten Pathologisierung neigen und praktisch das gesamte Leben und Werk Roberts unter dem Aspekt seiner Erkrankung am Lebensende sehen."

( S. 193 ) Ist es eigentlich zuviel verlangt, daß Schulbuchautoren sich nach dem jeweils letzten Stand ( 1991 erschien das Schulbuch! ) der Forschung richten und eventuell neue Erkenntnisse in ihr Buch aufnehmen?

Arme Schülergenerationen, die aus diesem Musikbuch ihr Schumann-Zerrbild erhalten!! Bernhard R. Appel von der Robert-Schumann-Forschungsstelle e. V. Düsseldorf zieht zu dem Schumannbild in "Musik um uns" ein Resümee: "Daß die biographischen Angaben aufs Pathologische verkürzt sind, daß literarische Ambitionen nur angedeutet werden und daß auf die wirkungsgeschichtlich bis heute präsente musikkritische Tätigkeit nicht hingewiesen wird, ist ein Armutszeugnis für die Schulbuchmacher." Und er setzt noch eins drauf: "Bis wissenschaftlich revidierte Geschichtsbilder auch in Schulbücher und mithin in das breitere gesellschaftliche Bewußtsein vorgedrungen sind, vergehen Jahre." ( Brief an den Verfasser )



Es ist Standard, daß in Musikbüchern für die Schule das Werk des Besprochenen durch Notenbeispiele lebendig werden kann. Die Herausgeber von "Musik um uns" haben erfreulicherweise einmal nicht ausgetretene Pfade ( z. B. das Stück "Wilder Reiter" oder die "Träumerei" ) betreten , sondern aus dem "Album für die Jugend" , op. 68, ein eher unscheinbares, aber gut geeignetes Stück gewählt: das "Volksliedchen". So weit, so gut. Aber wollten die Herausgeber vielleicht durch dieses Stück einen musikalischen Beweis für die "Melancholie" bringen? Die Vortragsbezeichnung lautet ja "In klagendem Ton". Soll in der Konstellation der beiden Seiten eine Werk-Entsprechung zum Persönlichkeitsbild im Text suggeriert werden? Abgesehen davon, daß in der zweiten Arbeitsanweisung zur Werkbetrachtung ( "Welche musikalischen Merkmale tragen dazu bei, daß der Ausdruck 'klagend' oder 'lustig' ist?" ) eine mangelnde Präzision zu beklagen ist: "In klagendem Ton" ist etwas anderes als "klagender Ausdruck" -, ist es zuviel verlangt, für Notenzitate eine text-kritische bzw. Urtext-Ausgabe einzusehen und zu verwenden?

Im Falle des "Albums für die Jugend" ist bereits seit 1956 sogar das faksimilierte Autograph auf dem Markt, woraus sich leicht die für einen Romantiker gar nicht unwichtigen Dynamikzeichen hätten korrigieren lassen. Ist das also ein weiteres Beispiel "für die Abkoppelungstendenz der Musikdidaktik von der Musikwissenschaft", wie sie Bernhard Appel diagnostiziert?



PS. Mit der Kritik an den Seiten 268 und 269 ist natürlich keinerlei Aussage über die Qualitäten des gesamten Band 1 von "Musik um uns" beabsichtigt.